Nach oben ↑

Handlungsspielräume

Um der Schnittmenge aus bezahlbarem Wohnraum und zukunftsfähiger Stadtentwickung gerecht zu werden, gibt es zahlreiche Punkte an denen Sie als Beteiligter oder Interessent von gemeinschaftlichen Bau- und Wohnprojekten angreifen können. Die folgenden Handlungsempfehlungen zu den Bereichen gemeinschaftliches Bauen und Wohnen, sowie genossenschaftlicher Organisationsstrukturen sollen Ihnen helfen das volle Potenzial zur Entfaltung bringen zu können.

Handlungsspielräume für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen

Klarheit über die Zielgruppen

Verschiedene Zielgruppen bringen vielfältige Ziele, Wünsche und Aufgaben mit sich. Erst wenn die anzusprechende Zielgruppe genau analysiert ist, können Lösungen entwickelt werden, die einen Mehrwert darstellen. Durch Befragungen und Workshops können Eigenschaften und Informationen ermittelt und anschließend in Konzepte überführt werden. Lösungen zu erarbeiten ist kein One-Shot – daher ist es ratsam, die entwickelten Konzepte mit der Zielgruppe regelmäßig zu überprüfen, damit die Lösungen auch nachhaltig Erfolg zeigen.

Fokus auf die Einordnungsphasen und Verwaltungsphase verstärken

Angesichts der Herausforderungen, vor denen genossenschaftliche Konzepte stehen, ist das klassische Verständnis eines gemeinschaftlichen Bauprozesses zu limitierend. In Zukunft müssen auch die Phasen, die vor und nach dem konkreten Planungs- und Bauprozess stattfinden, mehr Beachtung finden. Nur wenn der Prozess als Ganzes verstanden wird, können die Schnittstellen zwischen einzelnen Phasen optimiert werden.

Zugang für Einkommensschwächere erleichtern

Aus den Interviews ging hervor, dass gemeinschaftliches Bauen und Wohnen lediglich für eine vergleichsweise kleine Gruppe an Menschen zugänglich ist bzw. eine sinnvolle Alternative darstellt. Um die positiven Effekte dieser Wohnformen einer breiten Masse zugänglich zu machen und auf eine positive städtische Entwicklung hinzuarbeiten, müssen die finanziellen Hürden gesenkt werden. Hierzu lohnt es sich, verschiedene Organisationsformen zu betrachten und die Synergieeffekte verschiedener Einkommensschichten zu nutzen.

Die richtige Positionierung finden

Um die richtigen Mitglieder für ein Vorhaben zu finden, ist eine richtige Positionierung im Feld gemeinschaftlichen Bauens wichtig. Durch eine Recherche über die bestehenden Ausrichtungen kann von Beginn an ein klares Bild des Vorhabens gezeichnet werden. Sobald die Positionierung durch eine Vision und Mission untermauert ist, sollten diese immer in den Mittelpunkt der Kommunikation gestellt werden.

Werte als Alleinstellungsmerkmal

Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen ist vor allem eines: wertebasiert. Nur wenn sich die Nutzer:innen in einem Angebot wiederfinden, werden sie es in Betracht ziehen. Es ist also darauf zu achten, dass Anbieter:innen von Wohnkonzepten die eigenen Werte einer community-orientierten und nachhaltigen Stadtentwicklung möglichst konsequent vertreten. Durch eine prägnante Vision und ein Mission-Statement können die eigenen Werte zur Zielgruppe transportiert werden, sodass sich diese damit ggf. identifizieren kann.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit zu erregen und einen kommunikativen Zugang zu schaffen ist der erste und einer der wichtigsten Schritte. Sobald man die Aufmerksamkeit der Zielgruppe erregt hat, gilt ein besonderes Augenmerk der Überführung zum eigenen Angebot, z.B. durch Verweise auf regelmäßige Veranstaltungen oder Inhalten auf einer Website. Im besten Fall werden aus Interessierten zukünftige Mitstreiter:innen gewonnen. Hierbei spricht man von der sogenannten Conversion. Welche Zielgruppe (Alter, Geschlecht, sozialer und finanzieller Stand,...) erreicht werden soll, muss sowohl inhaltlich als auch beim Einsatz und der Platzierung der kommunikativen Maßnahmen gut durchdacht sein. Eine konsistente Form dieser Maßnahmen hilft zudem bei der Wiedererkennung des Angebots.

Gruppenprozesse digital unterstützen

Gemeinschaftliches Bauen ist auf die Zusammenarbeit der Gruppe angewiesen. Daher gilt es die Bildung der Gruppendynamik, ein methodisches und zielorientiertes Vorgehen und die Informationsaneignung zu unterstützen. Teile hiervon können digital abgebildet werden, um die Betreuung oder einzelne Teilprozesse zu erleichtern und alle Mitglieder auf den gleichen Wissensstand zu bringen.

Schnittstellen mit Betreuenden einrichten

Ohne Betreuung von außen ist der Prozess eines gemeinschaftlichen Bauvorhabens kaum abbildbar. Ein weitreichendes professionelles Netzwerk aus Betreuer:innen, z.B. in Form eines Branchenverzeichnisses, gewährleistet schnellen Zugang. Eine gut gestaltete kommunikative Schnittstelle zu Betreuenden wie auch der Nutzer:innen ist der Schlüssel für potenziell erfolgreiche neue Konzepte. Im Idealfall können die einzelnen Projekte ihre Erkenntnisse teilen und erfolgreiche Aspekte übernommen werden.

Expert:innenbetreuung digital unterstützen

Der Prozess einer Baugemeinschaft lebt von analogen Prozessen. Dennoch ermöglicht der gezielte Einsatz digitaler Prozesse Einsparung von Kosten und Aufwand. Anstatt analoge Prozesse mit digitalen zu ersetzen sollten die verschiedenen Fachbereiche durch digitale Verbesserungen ergänzt werden. Es gilt genau abzuwägen, was digital abgebildet werden kann und welche Prozesse analog und persönlich verbleiben sollten.

Bewerbungsprozesse unterstützen

Ob die Bewerbung für einen Bauplatz, Kredit oder Fördermittel – diese fachlich aufwendigen Arbeitsschritte können unerfahrene Gruppen vor große Herausforderungen stellen. Angebote, die einen erleichterten Zugang zu Bewerbungsprozessen bieten, können in Zukunft einen großen Mehrwert für die Nutzer:innen gemeinschaftlicher Bauprojekte sein. Es ist darauf zu achten, dass die regional unterschiedlichen Möglichkeiten und Anforderungen erfasst werden.

Systeme und Werkzeuge zur eigenständigen Hausverwaltung

Wie auch im Anfangsprozess wird die Zeit nach dem Einzug von beteiligten Personen des Bereichs gemeinschaftlicher Bau- und Wohnformen tendenziell vernachlässigt. Die Verwaltung des zu bewohnenden Gebäudes kann für die unerfahrene Gemeinschaft eine große Herausforderung darstellen. Durch digitale Unterstützung kann die Organisation und Abwicklung einer eigenständigen Verwaltung unterstützt werden. Dies bietet sich vor allem bei einer Organisation an, die mehrere gemeinschaftliche Hausprojekte verwaltet.

Information bereitstellen

Um die Zielgruppe bestmöglich zu unterstützen, gilt es über den gemeinschaftlichen Bauprozesses hinweg relevante Informationen bereitzustellen. Dies kann vor allem in den ersten Phasen bei der Aufklärung und Mitgliederakquise helfen. Hierbei ist auf eine verständliche und übersichtliche Aufarbeitung zu achten, z.B. indem regionale Förderangebote zur Verfügung gestellt werden.

Orientierung ermöglichen

Konzepte gemeinschaftlicher Projekte sind vielfältig und unterscheiden sich zum Teil stark voneinander. Diese Vielfalt gilt es abzubilden und unterscheidbar zu machen, um somit die Zielgruppe besser zu orientieren. Ziel ist es, Interessierten dabei zu helfen, sich selbst in einem oder mehreren Konzepten wiederfinden zu können. Abbildungen realer Projekte und mediale Dokumentation über das Leben im Quartier können bei der Einordnung helfen.

Spielräume eröffnen

Partizipation beginnt bei der Information und erstreckt sich bei gemeinschaftlichen Bauprojekten bis hin zur Hausverwaltung. Um die Lücke zwischen einer wagen Idee und einem konkreten Vorhaben zu schließen, bietet es sich an, der Zielgruppe eine Möglichkeit zu bieten, ihr eigenes fiktives Projekt zu planen. Dabei sollten die spezifischen Lebensumstände, Wünsche oder Vorstellungen des einzelnen zwar kreativ sein, dennoch aber realistischen Bedingungen unterliegen. Dieser Schritt kann eine Erweiterung des Orientierungsprozesses darstellen und konkrete Vorstellungen der Interessierten fördern. Ein einfacher und spielerischer Umgang ist hierbei wichtig, um die Nutzer:innen nicht zu überfordern.

Vernetzung ermöglichen

Egal ob Initiator:innen, die auf der Suche nach Mitstreiter:innen sind oder Interessierte auf der Suche nach dem passenden Projekt: es müssen Angebote geschaffen werden, die eine weitreichende Vernetzung ermöglichen. Eine derartige Lösung ist nicht nur im Anfangsprozess eines gemeinschaftlichen Projekts hilfreich, sondern kann auch während dem Planungs- und Bauprozess für einen Wissensaustausch einzelner Baugemeinschaften führen. Personen, Vereine und Behörden, die sich dem Thema gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens widmen, sind sowohl regional als auch bundesweit besser zu vernetzen.

Partner:innen suchen

Der Prozess eines gemeinschaftlichen Projektes ist geprägt von diversen Akteur:innen, auf deren Hilfe die Gruppe angewiesen ist. Um den Prozess für die Gemeinschaft zu erleichtern, bietet es sich an, Partner:innen aus den Bereichen Finanzen, Recht, Architektur und Projektsteuerung zu suchen, um bei den wesentlichen Fragen auf Experten:innenrat zugreifen zu können. Diese können extern als Dienstleister:innen hinzugezogen werden oder bei einer Organisationsform wie einer Dachgenossenschaft intern vertreten sein.

Handlungsspielräume für genossenschaftliche Organisationen

Werteorientiertes Handeln

Genossenschaften sind in erster Linie den Interessen ihrer Mitglieder verpflichtet. Jährliche Prüfungen stellen sicher, dass Genossenschaften gemeinwohlorientiert handeln und wirtschaften. Für Genoss:innen bilden die Werte der Genossenschaft eine Versicherung über ihre Absichten – etwas, das sich für Immobilienunternehmen in der Privatwirtschaft weitaus schwieriger gestaltet. Genossenschaften sollten diesen Vorteil für ihre Zwecke nutzen und in die Beziehung und Kommunikation sowohl mit Interessierten als auch mit Genoss:innen einfließen lassen.

Paradigmenwechsel

Ein Ziel der Aufklärung muss es sein, einen Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung von Genossenschaften zu erreichen. Zum Zeitpunkt unserer Recherche wird genossenschaftliches Wohnen hauptsächlich bei Menschen mit geringen finanziellen Mitteln als Alternative zu teuren Angeboten auf dem privaten Immobilienmarkt wahrgenommen. Umgekehrt scheinen viele Bestandsgenossenschaften diese Ausrichtung zu bedienen. Dadurch entstand für bestimmte Teile der Gesellschaft die Auffassung, dass genossenschaftliches Wohnen für Menschen sei, denen keine andere Wahl bleibt. Das Potenzial genossenschaftlichen Wohnens ist aber weitaus größer, sodass aus einem Konsumzwang durch neue außenwirksame Kommunikation von Genossenschaften vielmehr ein Konsumwunsch werden sollte. Hierbei geht es vor allem darum, die Vorteile genossenschaftlichen Wohnens zu vermitteln und Vorurteilen entgegenzuwirken.

Services und digitale Anwendungen

Das Potenzial für Digitalisierung und neue Services ist im Feld der Genossenschaften als sehr hoch zu bewerten. Hier kann eine Vielzahl neuer Angebote entstehen, die gerade für eine jüngere Zielgruppe ansprechend ist. Dabei kann der Fokus auf eine digitale Unterstützung aktueller Prozesse sowohl für Nutzer:innen von Genossenschaften als auch für Genossenschaften selbst gelegt werden. Ein Markt für diese neuen Angebote könnte vor allem im Feld der Dienstleistungsgenossenschaften zu erkennen sein. Es gilt also zu beobachten, in welchen Feldern bereits Angebote bestehen und wo es aktuell noch unbearbeitete Angebotslücken gibt, die Potenzial für neue Services darstellen.

Zugang zu genossenschaftlichen Strukturen vereinfachen

Genossenschaften erleichtern den Zugang zu städtischem Baugrund sowie speziellen Fördermöglichkeiten und schützen gleichzeitig das Wohnobjekt vor Spekulation. Diese Vorteile können jedoch nur erreicht werden, wenn Gruppen aus Interessierten der Einstieg in genossenschaftliche Organisationen erleichtert wird. Dies kann beispielsweise durch übergeordnete Dachgenossenschaften oder die Weiterentwicklung bestehender Genossenschaften erreicht werden. Ziel muss es sein, Baugemeinschaften aufzunehmen, zu begleiten und über den gesamten Prozess zu unterstützen.

Aufklären

Vergleicht man die Vorteile genossenschaftlicher Wohnungsangebote mit dem restlichen Immobilienmarkt, so stellt sich die Frage, wieso nicht mehr Menschen genossenschaftliches Wohnen anstreben. Dies liegt vor allem an der schwachen Aufklärungsarbeit der Genossenschaften. In Zukunft müssen die Vorteile, die Genossenschaften mit sich bringen, mehr in den Mittelpunkt der Kommunikation gestellt werden. Auch über den allgemeinen genossenschaftlichen Gedanken und die gesellschaftlichen Vorteile von kollektivem Eigentum muss besser aufgeklärt werden.

Außenwirksame Darstellung

Die außenwirksame Darstellung bestehender Genossenschaften in Deutschland weist im Vergleich zu angrenzenden Bereichen aus der Privatwirtschaft Nachholbedarf auf, besonders im Hinblick auf die Ansprache von jungen Zielgruppen. Nur wenn sich Genossenschaften als Marke platzieren und ihre Werte, die durchaus eine moderne Zielgruppe ansprechen, visuell gelungen kommunizieren, können sich Genossenschaften einen größeren Marktanteil der Immobilienbranche sichern.

Politisch aktiv werden

Eine der größten Hürden für neue Wohnprojekte ist die Bodenknappheit in deutschen Städten. Genossenschaften haben ein Defizit an Baugrund und bei der Bodenvergabe Schwierigkeiten, sich gegen große Investoren auf dem Immobilienmarkt durchzusetzen. Es ist daher empfehlenswert, sich stärker mit Kommunen zu vernetzen und mit ihnen gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Genossenschaften haben aus ihrem gemeinnützigen Gedanken ein Grundinteresse daran, Städte nachhaltiger zu machen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Sie sind Innovationstreiber, die neue Wohnformen in der Stadt entwickeln und umsetzen. Für Städte sind dies maßgebliche Argumente, sich stärker für Wohnungsbaugenossenschaften einzusetzen und diese mit Baugrund und Geldmitteln zu fördern. Diesen Punkt gilt es stärker nach Außen zu kommunizieren. So können auch Städte, welche die Relevanz genossenschaftlicher Wohnformen noch nicht erkannt haben, beeinflussen werden. Eine Kommunikationsstrategie kann und sollte genutzt werden um, die Aufmerksamkeit auf die Probleme zu lenken, welche nur die Politik lösen kann.

Positionierung

Um neue Services und digitale Anwendungen an den richtigen Stellen zu positionieren, sollte im ersten Schritt eine umfangreiche Analyse des bestehenden Marktes erfolgen. Nur durch eine bedarfsorientierte Positionierung kann langfristig für ein Bestehen am Markt gesorgt werden. Ein weiterer Punkt, der den Verbleib des eigenen Angebots sichert und darüber hinaus neue Zielgruppen bindet, ist der Aufbau einer Markenidentität. Zusammen mit der außenwirksamen Darstellung der eigenen Marke kann der Zugang zum eigenen Angebot unterstützt werden.

Finanzierungspartner:innen bei Neugründungen

Bei den meisten Neugründungen von Genossenschaften entfällt das Angebot günstigen Wohnens, da zu Beginn keine Einlagen vorhanden sind. Dadurch ist vielen Menschen der Zugang zu den vielschichtigen Vorteilen genossenschaftlicher Strukturen verwehrt. Um dieses Problem zu lösen, können Partnerschaften mit den richtigen Kreditgeber:innen helfen, eine Starthilfe zu kreieren. Dabei ist darauf zu achten, dass Partner:innen nicht aus Gründen eines renditeorientierten Investments finanzielle Mittel beisteuern, sondern aus Überzeugung, einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.

Die vollständige Thesis als PDF herunterladen

Mehr Hintergründe zu unserer Recherche, Expert:inneninterviews, Methodik und dem Konzept der Modellgenossenschaft finden Sie in der vollständigen Masterthesis, die kostenlos als PDF-Download zur Verfügung steht.

Thesis-Download (PDF) ➔